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Yüksel Pazarkaya

Yüksel Pazarkaya lebt seit 1958 in Deutschland. Er studierte Chemie, danach Studium der Germanistik, Promotion zum Dr. phil. 1972. Tätigkeit als Fachbereichsleiter an der Volkshochschule in Stuttgart.
Von 1986 bis 2002 Redaktionsleiter beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, unterbrochen 1994 durch einen Aufenthalt in den USA als Writer in Residence an der Washington University St. Louis.

Seit 1960 schreibt er Gedichte auf türkisch und deutsch. 1980–82 Herausgeber der zweisprachigen Zeitschrift Anadil. Außer mehreren Literaturpreisen in der Türkei erhielt er 1987 das Bundesverdienstkreuz, 1994 den Kinderbuchpreis des Berliner Senats. Im Frühjahr 2000 hatte er die Chamisso-Poetik-Dozentur an der TU Dresden inne, seit 2003 lebt er als freier Schriftsteller in Bergisch-Gladbach. 2006 erhielt er den Ehrendoktor der Universität Çanakkale/ Türkei.

Leseprobe

Nur um der Liebenden willen dreht sich der Himmel

Eine Schöpfungsgeschichte

1
Es war einmal…
Es war keinmal…
Die Zeit war noch graue Vorzeit…
Der Raum war noch grauer Vorraum…
Vorraum und Vorzeit waren angefüllt von Wasser.
Es gab nichts als Wasser.
Und Gott, der Große Schöpfer, blickte unentwegt auf das Wasser…
Er starrte und starrte auf das Wasser und langweilte sich nach einer Weile, die keine Weile war und keine Zeit, er langweilte sich ob des bloßen Starrens…
Und er beschloss, den Menschen zu erschaffen.
Und so geschah es.
Der Mensch wurde von Gottes Hand erschaffen aus Wasser, aus einemTropfen Wasser.

2
Der Mensch hatte Flügel wie ein Schwan, damit er über dem Wasser schweben konnte.
Er flog hin, er flog her, er flog kreuz und quer…
Doch das bloße Herumfliegen über dem Wasser langweilte den Menschen bald. Er wollte sich nicht länger mit der Herumfliegerei begnügen. Er wollte hoch hinaus in die oberen Sphären steigen. Von quälender Neugier gepackt…
Und er ersann sich List und Trug, Gott, seinen Schöpfer hinters Licht zu führen, zu noch höheren Sphären zu kommen.
Was er jedoch nicht wusste, dass List und Trug den Verstand verleitete, den Gott gegeben, damit der Mensch Gutes ersinne.

3
So konnte er nicht ahnen, dass Gott, der Große Schöpfer, der ihm den Verstand gab, natürlich auch seine geheimsten Gedanken und Wünsche kannte. Dass er, der Mensch, also das Geschöpf, vor seinem Schöpfer nichts aber auch gar nichts verbergen konnte.
So nahm Gott dem listigen Menschen die Fähigkeit zu fliegen. Und seine Flügel taugten plötzlich nichts mehr. Er sackte auf das Wasser und begann zu versinken und zu ersaufen. Dabei flennte er Gott den Schöpfer an, ihn bitte, bitte nicht ersaufen zu lassen und tat Buße…
Gott sagte:
»Ich gab dir den Verstand nicht für die List, sondern für die Liebe…«
Und Gott der Erbarmer vergab ihm und gab ihm alle Fähigkeiten zu überleben – doch fliegen durfte er nicht mehr.

4
Das Geschöpf Mensch brauchte nun etwas Festes unter den Füßen. So ließ Gott aus der Gischt der Wasser einen Stern emporsteigen.
Gott hieß den Menschen, eine Handvoll Erde von diesem Stern zu nehmen und sie übers Wasser zu streuen.
Und so machte er es. Er streute die Erde aufs Wasser. Daraus wuchs eine Insel, und der Mensch hatte nun festen Boden unter den Füßen.
Doch das Wesen des Menschen war von Gott bewusst nicht vollkommen geschaffen, damit der Mensch seinen Verstand benutze und sich selbst bilde.
Und in diesem Wesen waren Antipoden zusammengeführt, so auch Ehrlichkeit und Falschheit. Der Verstand – Gott gegeben – hatte die Möglichkeit, zwischen gut und böse zu scheiden und sich zu entscheiden.

5
Der Stern leuchtete so hell und so schön, dass dem Menschen die Sinne ganz taub wurden. Hingerissen von dieser Schönheit nahm er sich heimlich eine zweite Handvoll von dem die Sinne betäubenden Stern und steckte sie hastig in den Mund.
Auch diesmal behielt also die List des Menschen die Oberhand.
Doch die Sternenerde im Mund wuchs und wuchs unversehens und beinahe wäre ihm der Mund zerplatzt und zerfetzt.
Einmal mehr bettelte er den Großen Schöpfer reuevoll an, ihn von dieser Plage zu befreien.
Gott befahl ihm, die Erde im Mund auszuspucken.
Er tat es und daraus entstanden die Gebirge.

6
Dabei gelangte jedoch ein Staubkörnchen in seinen Körper. Und im Brustkorb wuchs dieses Staubkörnchen. Vor allem eine Seite schwoll an, wurde immer dicker. Schließlich konnte er die Wehen nicht mehr aushalten.
»O großer Gott, erbarme Dich meiner«, sprach er zu Gott. Gott, der Große Schöpfer, nahm ihm die dick geschwollene Rippe heraus und befreite ihn vonseinem Leiden.
Die herausgenommene Seite erschien als eine wunderschöne Frau, die der Mann ebenso stark begehrte wie den blendenden Stern.

 

Auszug aus dem gleichnamigen Essay

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